AMF-Preis

Preisverleihung 2019

Der "Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur", benannt nach dem gleichnamigen Schriftsteller († 2007), wird seit 1988 – mit einer Ausnahme 2008 – jährlich vergeben. Das für den bewusst undotierten Literaturpreis charakteristische Attribut der "Aufrichtigkeit" verweist auf seine Besonderheit, dass alle mit ihm Ausgezeichneten sich neben einem überzeugenden schriftstellerischen Niveau auch durch außergewöhnliches soziales Engagement oder ein hohes Maß an Zivilcourage als Kandidat*innen qualifiziert haben müssen.

Seit 2012 findet die Preisverleihung in Kooperation mit dem Westfälischen Literaturbüro in Unna statt. Dessen Domizil im Nicolaihaus eignet sich besonders gut für einen literarischen Preis, der ursprünglich für die westfälische Nachbarschaft konzipiert, über die Jahre aber immer stärker internationalisiert wurde und dabei stetig an Renommee gewonnen hat. Die Preisträger*innen stammen zum Teil aus Dänemark, Österreich, Ungarn, den Niederlanden oder dem Iran.

Özlem Özgül Dündar ist Trägerin des Alfred-Müller-Felsenburg-Preises 2019. Mit dem Preis für "aufrechte Literatur" wurde die 1983 geborene Autorin, Übersetzerin und Herausgeberin für ihre Lyrik, Prosa und szenischen Texte ausgezeichnet und damit für ein schriftstellerisches Werk, dass sich – so die Begründung der Jury – "konsequent den Lebensrealitäten stellt, und deren Texte durch sinnliche Schönheit und intellektuellen Glanz überzeugen".

Dündar veröffentlichte ihre Arbeiten zunächst in Zeitschriften und Anthologien. 2018 erschien dann im Elif-Verlag ihr erster Gedichtband "gedanken zerren". Beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Preis beeindruckte sie im selben Jahr mit einer Lesung aus ihrem Romanmanuskript "und ich brenne" und erreichte damit erstmals ein größeres Publikum. Der Text thematisiert den 1993 von Rechtsradikalen verübten Brandanschlag von Solingen, dem fünf Menschen türkischer Abstammung zum Opfer fielen und den Dündar als Kind in ihrer Heimatstadt direkt miterlebte.

Das dies gar nicht so stark auf inhaltlicher Ebene geschieht, sondern sich auf literarisch höchst kunstvolle Weise vielmehr implizit – und eben dadurch besonders eindrucks- und wirkungsvoll – vollzieht, wurde bei der Preisverleihung von der Literaturwissenschaftlerin Dr. Corinna Schlicht von der Universität Duisburg-Essen in ihrer Laudatio auf die Preisträgerin fachkundig aufgezeigt und gewürdigt: "Von dem Brandanschlag in Solingen ist in dem Text explizit nicht die Rede. Den Text als Anspielung darauf zu verstehen, muss im Rezeptionskontext gesucht werden. Es ist also den Rezipient*innen überlassen, das Geschilderte mit dem realen Ereignis in Verbindung zu bringen, von denen die Täter meinen sagen zu können, dass diese Menschen, die Ziel der Anschläge waren, nicht zu Deutschland gehören würden, dass sie brennen sollen. Die Aufarbeitung dieser rechten Gewalttaten im kulturellen Gedächtnis der BRD steht meines Erachtens noch immer aus; Özlem Özgül Dündars Text leistet einen Beitrag dazu, weil er hinsieht, wo sonst Verdrängung herrscht."

Die Preisvergabe fand in diesem Jahr als Teil der Veranstaltungsreihe #LiteraturSommerHellweg am 1. September im Nicolaihaus Unna statt. Das symbolträchtige Datum gab dann auch das Thema der Festreden vor, handelte es sich dabei doch – worauf der Vorstandsvorsitzende des Westfälischen Literaturbüros Wolfram Kuschke gleich in seiner Begrüßung hinwies – um den 80. Jahrestag des Überfalls auf Polen durch das Deutsche Reich und damit des Beginns des 2. Weltkriegs. Zugleich standen an genau diesem Sonntag aber auch Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg an, bei denen von vornherein – und leider zurecht, wie sich später herausstellen sollte – beängstigend hohe Ergebnisse der völkisch gesinnten AfD zu erwarten waren, eine zufällige Terminüberschneidung, auf die insbesondere Landrat Michael Makiolla in seinem Redebeitrag mit Blick auf die Thematik der Preisverleihung einging.

Von der wirkungsmächtigen Stärke der immer wieder beinahe lyrisch anmutenden Prosa Dündars hatte das zahlreich erschienene Publikum sich bereits vor der Preisverleihung, bei einer Lesung der Autorin im Rahmen eines Gottesdienstes in der Ev. Stadtkirche von Unna, auch ein eigenes Bild machen können. Viele der Zuhörer*innen dort nahmen dann auch an der anschließenden Verleihungszeremonie teil, bei der die Bescheidenheit und Schüchternheit, mit der die wortgewaltige Schriftstellerin die Auszeichnung in Form einer Urkunde sowie der traditionellen Flasche "ehrlichen Landweins" entgegennahm, schon beinahe irritierte. Zugleich stützte dies aber auch den Eindruck, den die Laudatorin bereits bei der Auseinandersetzung mit Dündars Schreiben gewonnen und in ihrer Rede benannt hatte: dass man es bei Özlem Özgül Dündar mit einer Künstlerin zu tun hat, deren Wirken nicht primär darauf abzielt, öffentlich als Mensch mit einer bestimmten Biographie und Botschaft wahrgenommen zu werden, sondern bei der das geformte Wort selbst im Mittelpunkt steht, das auf "produktive Weise irritiert", zum Weiterdenken einlädt und somit aufrechte Literatur im besten Sinne ist.