Experiment HEIMAT

Ein interdisziplinäres Kulturprojekt (2020-22)

Ein interdisziplinäres Kulturprojekt (2020-22)

HEIMAT - eine Emotion oder ein Ort? Dort, wo wir geboren oder aufgewachsen sind oder hier, wo wir jetzt leben? Ein Schicksal oder etwas, das man sich selbst schafft? Verändert sich HEIMAT im Laufe des Lebens? Ist HEIMAT ein Sehnsuchtsort? Oder existiert sie vielleicht überhaupt nicht (mehr)? Mögliche Antworten auf diese und viele weitere Fragen stellt unser neues interdisziplinäres kulturelles Kooperationsprojekt Experiment HEIMAT ins Zentrum einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Begriff HEIMAT.

Das Literatur- und Fotografie-Projekt greift damit ein Thema auf, das in jüngster Zeit wieder verstärkt an Bedeutung gewinnt und dabei zugleich auffällig kontrovers diskutiert wird. Ergänzend zu diesem aktuellen Diskurs, soll Experiment HEIMAT die künstlerische Reflexion von HEIMAT-Orten in Westfalen fortführen. Im Fokus des Vorhabens stehen neun bereits als HEIMAT etablierte Räume oder aus bestimmter Perspektive "heimatlich" konnotierte Orte, um sich mit ihnen ergebnisoffen künstlerisch-literarisch zu befassen und bereits bestehende Auseinandersetzungen zu erforschen und aus gegenwärtiger Perspektive fortzuschreiben.

Recherchephase (2021)
Auf die Spurensuche begeben sich ab Frühjahr 2021 renommierte Künstler*innen, die aufgrund ihrer Arbeiten, Biografie, Nationalität für das Vorhaben als besonders geeignet erscheinen: neun Autor*innen (Helene Bukowski, Safiye Can, Nora Gomringer, Lütfiye Güzel, Sabrina Janesch, Wladimir Kaminer, Sharon Dodua Otoo, Najem Wali und N.N.) und neun Fotograf*innen (Peter Bialobrzeski, Jörg Brüggemann, Alem Kolbus, Ute und Werner Mahler, Loredana Nemes, Christina Stohn, Nikita Teryoshin und Ritesh Uttamchandani). Ihre mehrtägigen Rechercheaufenthalte führen sie an Orte, die exemplarisch für HEIMAT stehen, die identitätsstiftend und für einige Menschen vielleicht sogar ein Synonym von HEIMAT darstellen. Sie erkunden das Bermudadreieck in Bochum, das Hermannsdenkmal und den Teutoburger Wald bei Detmold, die Widukind-Stadt Enger, die ehemaligen Arbeits- und heutigen Freizeitorte Henrichshütte Hattingen und Schiffshebewerk Henrichenburg, die historischen Stätten Wilzenberg im Sauerland und Kolvenburg im Kreis Coesfeld, den Fußball in Dortmund zwischen Fußballmuseum und Bolzplatzkultur sowie den Genuss- und Kulturort Lindenbrauerei in Unna.

In Teams, die aus je einem*einer Autor*in und einem*einer Fotografen*Fotografin bestehen, erkunden sie - unterstützt von lokalen Expert*innen - "ihre" Orte unter dem Gesichtspunkt der HEIMAT. In Begegnungen und im Austausch mit den dort lebenden Menschen, gesellschaftlichen Gruppierungen (etwa Heimatvereinen oder Migrationsverbänden) und Besucher*innen (z.B. Tourist*innen) erforschen sie die Bedeutung, die diese dem jeweiligen Ort zuschreiben. Zentral wird dabei stets die Frage sein, inwieweit sich der Blick von außen mit der Eigenwahrnehmung der in Westfalen lebenden Menschen von "ihrer" Heimat deckt.

Experiment HEIMAT fragt danach, was Heimat für Migrant*innen und insbesondere Künstler*innen mit Migrationshintergrund bedeutet. Nach Westfalen kamen im vergangenen Jahrhundert zahlreiche Menschen aus unterschiedlichsten Motiven. Viele blieben, mach(t)en Westfalen zu ihrem neuen Zuhause, präg(t)en ihre neue HEIMAT mit, gestal(te)ten (neue) HEIMAT-Orte. Die Frage, was HEIMAT ausmacht und wie man an fremden Orten heimisch werden kann, ist gegenwärtig für viele Menschen eine existentielle Frage. Das heißt die Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff erfolgt nicht nur auf der örtlich-materiellen Grundlage, sondern im kulturell-räumlichen Kontext auch mit dem Ziel, gegenseitiges Verstehen und Toleranz zu fördern. Durch literarische sowie visuelle Rezeption aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf scheinbar Altbekanntes und Unveränderbares soll als Ergebnis ein produktives, künstlerisches Kaleidoskop zum Thema entstehen, das zur Reflexion und zur weiteren kritischen Diskussion von HEIMAT einlädt.

Text-Foto-Band und Wanderausstellung (2022)
Im Anschluss an die Recherchephase setzen Autor*innen und Fotograf*innen ihre Eindrücke künstlerisch um. Es entstehen literarische Texte und Fotoserien zu den HEIMAT-Orten, die in einem hochwertigen Text-Foto-Band veröffentlicht und in einer Wanderausstellung aufbereitet werden, die 2022 an die HEIMAT-Orte zurückkehrt. Damit werden die künstlerischen Ergebnisse nicht nur nachhaltig veröffentlicht, sondern auf einer weiteren Ebene dem Diskurs zugeführt. In Bezug und Kontrast gesetzt mit den anderen Beiträgen, Abbildungen, Wahrnehmungen bzw. Reflexionen entsteht ein weiteres künstlerisches Spannungsfeld, das Erkenntnis und neue Lesarten von HEIMAT und Sichtweisen auch im Verhältnis zu ihrer historischen und/oder literarisch-künstlerisch tradierten Prägung auf Heimat präsentiert. Somit können die künstlerischen Ergebnisse dazu dienen, in eine Auseinandersetzung mit den Ansichten derjenigen zu treten, die diese Lebensräume wie selbstverständlich aus ihrer Geschichte wie Gegenwart heraus wahrnehmen und verstehen sowie die eigene Wahrnehmung und Reflexion durch den künstlerischen Blick erweitern. All dies ermöglicht ein reizvolles exemplarisches Spiel von Spurensuchen, in der sich alte wie neue Lebensräume und Ideen von HEIMAT vergleichen und/oder neu erschließen lassen. Zu welchen Ergebnissen das Experiment führt, wird das Publikum spätestens sowohl durch die Rezeption des Text-Bild-Bandes als auch durch den Besuch der Ausstellung nachprüfen können.

Begleitprogramm
Bereits während der Recherchephase ist ein vielseitiges Veranstaltungsangebot an den HEIMAT-Orten geplant: Pressegespräche, Lesungen, Vorträge örtlicher Heimatvereine, Diskussionen mit Flüchtlingshilfevereinen sowie künstlerische Programme wie Musikveranstaltungen, Performances oder auch Foto- oder Schreibworkshops etc., die von den lokalen Kooperationspartnern organisiert werden. Zudem dient ein sogenanntes HEIMAT-Labor als temporärer, zentraler mobiler Informations-, Begegnungs- und Veranstaltungsraum, in dem die begleitenden Kultur- und Infoveranstaltungen sowie die Begegnungen zwischen den beteiligten Künstler*innen mit Fachleuten und Vertreter*innen von Migrationsgruppen, Bürger*innen etc. überwiegend stattfinden sollen. Um die Öffentlichkeit auch möglichst früh virtuell zu erreichen, startet mit der Recherchephase unter dem Titel HEIMAT-Journal auch ein digitales Aufenthalts- und Begegnungstagebuch, das die Künstler*innen tagesaktuell mit Berichten, Fotos und Videos über die Arbeitsprozesse bespielen und an die Website und Social-Media-Kanäle angeschlossen ist sowie auszugsweise im Text-Foto-Band und in der Wanderausstellung veröffentlicht wird.

Wissenschaftliche Begleitung
Das Projekt Experiment HEIMAT begreift sich primär als künstlerischer Versuch. Ergänzend ist während der Recherchephase eine wissenschaftliche Begleitung durch eine Einrichtung/ein Institut/einen Lehrstuhl, die/das/der auf Fragen des interkulturellen Austauschs, der Integration und Migration spezialisiert ist, vorgesehen. Ihre Ergebnisse sollen sowohl im HEIMAT-Journal als später ggf. auch im Text-Foto-Band und als Teil der Ausstellung veröffentlicht werden. Die Ausschreibung der wissenschaftlichen Begleitung finden Sie hier (Bewerbungsfrist: 31.10.2020).

Veranstaltergemeinschaft
Experiment HEIMAT ist ein Projekt des Westfälischen Literaturbüros in Unna e.V. (WLB) in Kooperation mit Bochum Marketing, dem Literaturbüro OWL, der Stadt Dortmund, der Stadt Enger, den LWL-Museen Henrichshütte und Henrichenburg, dem Kreis Coesfeld, der Stadt Schmallenberg und der Kreisstadt Unna sowie zahlreichen weiteren Vereinen, Einrichtungen und Initiativen in Westfalen. Das Projekt wird gefördert vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW und begleitet vom Westfälischen Heimatbund. Künstlerische Beratung und Kuratierung: Peter Bialobrzeski.